Biblioviel

Als Freund des gedruckten Worten und des als Serendipity bekannten Prinzips – wenn auch in der abgeschwächten, weil geplanten Variante (s.u.) – war ich vergangenen Montag (man sollte meinen, meine Woche hat nur diesen einen Tag) in der Uni-Bibliothek.

Mein Ausweis für die lokale “Lebendige Bibliothek” lief im April aus und es gab tragischere Momente in diesem Jahr. Die Auswahl, gerade bei der englischsprachigen Literatur, hält sich in Grenzen, wenn man keine Freundin des Chick-Lits ist, und ich hatte alle Romane von Fred Vargas durch. Ergo entschied ich mich nach drei trockenen Monaten, die temporär durch Jonathan Franzen’s “Freedom”. dem Raddatz’schen “Wolkentrinker” sowie einiger Kurzgeschichten von Siegfried Lenz aus dem heimischen Expedit-Regal bewässert wurden, meinen seit knapp zehn Jahren abgelaufenen Ausweis für die Essener Uni-Bibliothek zu reaktivieren, was, nebenbei bemerkt, sehr einfach war.

Studierte zwar nie an dem Campus – Duisburg war per ÖPNV schneller zu erreichen – wohnte nach dem Studium aber einige Jahre fußläufig. Die Auswahl an Belletristik ist sehens- und je nach Geschmack lesenswert, die Gebühren – 20,- EUR im Jahr für uns Externe – nicht teurer als die der Städtischen, und ich rede mir ein, dass bei meiner eklektischen Auswahl keinem Studenten der dringend benötigte Seminarstoff entwendet wird.

Die folgenden Titel wanderten in meinen Rucksack:

“Der Frauenplan” – Ingomar von Kieseritzky

Den las ich, unter Verwendung eines Fremdwörterlexikons, bereits vor zwei Jahrzehnten, ironischerweise aus der lokalen Bibliothek entliehen, die zu dem Zeitpunkt noch nicht lebendig war und diverse Titel von dem seit letzten Jahr leider verstorbenen Autor in den Regalen hatte (heute liegt die Zahl bei einer traurig-ovalen 0).

Entdeckt habe ich ihn durch eben jene, eingangs erwähnte Variante des Serendipity-Prinzips, bei der ich mir einen Autor schnappe, den ich sowieso lesen will, vor dessen Regal ich also bereits stand, um dort den Blick schweifen zu lassen. Seinerzeit waren das King und/oder Kishon, von denen es zu Kieseritzky nicht weit ist. Dass es mehrere Bücher von ihm gab, dürfte ausschlaggebend gewesen sein.

Auf selbe Weise griff ich diese Woche die nächsten beiden Bücher, zu denen ich nichts sagen könnte, was ich nicht erst googlen müsste:

“Der Fliegenpalast” – Wolfgang Kappacher / “Rita Münster” – Brigitte Kronauer

“Duell mit dem Schatten” – Siegfried Lenz

Nach den Kurzgeschichten sollte es gehaltvoller sein. Die Habichte stehen im Regal und das Duell ist der zweite Band der Werkausgabe, da fiel die Wahl nicht schwer; wieso sich nicht durch die Werkausgabe lesen?

“Das Einhorn” – Martin Walser

Mit vagen Erinnerungen an einen Abbruch entweder seiner “Ehen in Philippsburg” oder des fliehenden Pferdes hat er eine zweite Chance verdient. Die erste liegt erneut über eine Dekade in der Vergangenheit. Ich werde alt, …

“Sabbath’s Theater” – Philip Roth

… aber nicht so alt, dass ich mich nicht an ein literarisches Quartett erinnern kann, bei dem Ranicki & Co. den Roman besprachen. Das war immerhin 1996 und die oft erwähnte Obszönität war Ambrosia für einen Teenager, der Ambrosia bis dahin nur aus einer lasziven Asterix & Obelix Zeichentrickfilm-Szene kannte, und der nach der Lektüre des Romans den Absatz zur Morgenlatte lange Zeit als Signatur in diversen Foren nutzte. Als alter Sack und dem Buch nun im englischen Original, verspreche ich mir, dass weder Auge noch Eichel ungerührt bleiben!

“Idoru” – William Gibson / “Child of God” – Cormac McCarthy / “All the Light We Cannot See” – Anthony Doerr

Bleiben wir in der ersten Etage, Raum A, wo sich die Bücher der Anglistik befinden. Dort gibt es zwei Regalreihen mit zeitgenössischer Amerikanischer Literatur – und mEn zu vielen deutschen Übersetzungen – aus denen ich mich hier scheinbar zufällig bediente.

Gibsons Neuromancer-Reihe liegt etwas zurück, auch “Idoru” ist mit seinem Erscheinen 1996 bereits in der Pubertät und dient zwischen den anderen Romanen als palate cleanser oder amuse bouche, um auch die Franzosen zu Wort kommen zu lassen.

McCarthy ist nach allem was ich bisher so gehört habe – es wäre mein erstes Werk von ihm – die optimale Sommerlektüre, wenn man verregnete Sommer mit orkanartigen Stürmen mag.

Dass Doerr den Pulitzer gewann, erfuhr ich post faktum als ich den Autor aus Neugierde wikipediate. Die Bibliothek entfernt netterweise die Schutzumschläge der Hardcover, so dass die Auswahl selten anhand des Umschlags geschehen wird, wobei die sich in den letzten Jahren immer mehr angleichen (siehe dazu: Horror Books Have Lost Their Identity oder alternativ: Horror Book Covers Have Lost Their Magic (FIXED… REALLY FIXED!)) Somit bleibt der Titel und “All the Light We Cannot See” weiß zu überzeugen.

“We Happy Few” – Rolando Hinojosa / “Black Widow’s Wardrobe” – Lucha Corpi

Dem Department of Anglophone Studies ist es – so vermute ich – zu verdanken, dass sich in den erwähnten Regalen viele lateinamerikanische Titel – oftmals der Gattung Chicano Literature – befinden. Diese sind mit positven Erinnerungen verbunden, so dass beherzt zugegriffen wurde.

Lucha Corpi Kennern wird auffallen, dass es sich um das dritte Buch einer Tri- bis Quadrologie handelt. Die ersten beiden Bücher fand ich nicht, sie scheinen aber vorhanden zu sein, so dass ich beim nächsten Besuch darauf zurückkommen werde.